Ausschreibungen in Minuten erledigt? Klingt verrückt, aber KI und MerKalku machen es möglich

  • Interview

Jérôme Machire und Lis Flavia Friemann sind ein junges Unternehmerpaar, das mit Talent, viel Fleiß und Ausdauer eine Anwendung entwickelt hat, die Gebäudereinigungsunternehmen dabei helfen soll, Angebote für Ausschreibungen innerhalb kürzester Zeit zu erstellen. Ich habe die beiden auf der Clean Pro Expo in Friedrichshafen kennengelernt und war gleichermaßen begeistert von ihrem Enthusiasmus wie von dem Konzept, das hinter MerKalku, so heißt ihre KI-basierte Lösung, steckt.

28. Oktober 2026

Lis Flavia Friemann und Jérôme Machire

Lis, Jérôme – bevor wir über Euer Tool sprechen: könnt Ihr Euch kurz vorstellen und ein bisschen von Euch erzählen? Ihr seid beide erst 28 Jahre alt, habt aber schon einiges an Erfahrung im Gepäck.

Jérôme: Ich bin gelernter Industriemechaniker. Nach meiner Ausbildung bin ich aber meiner Leidenschaft gefolgt und war drei Jahre lang als professioneller Kitesurfer weltweit unterwegs. In dieser Zeit habe ich viele digitale Nomaden kennengelernt und Einblicke in deren Arbeit bekommen. Als ich dann zurück nach Deutschland gekommen bin, habe ich mich mit dem Thema Online-Marketing selbstständig gemacht. Und das auch recht bald in der Gebäudereinigungsbranche. 

Lis: Ich habe ganz klassisch BWL studiert und meinen Master gemacht. Anschließend habe ich in unserem Familienunternehmen Vollzeit im Retail Management gearbeitet. Parallel war ich die Ansprechperson für unsere Mitarbeitenden und damit die Schnittstelle zwischen ihnen und meinen Eltern. Das war eine tolle Zeit, und ich habe unfassbar viel gelernt. Aber ich wollte unbedingt noch etwas anderes machen und bin dann bei einem großen Unternehmen ins Inhouse Consulting gegangen. Das war auch total spannend, aber mein Ziel war es, direkten Mehrwert zu schaffen. Und als mich Jérôme im Juli offiziell mit ins Boot geholt hat, konnte ich mir diesen Wunsch auch erfüllen.

Wie ist die Idee für MerKalku denn entstanden? Gab es da einen konkreten Moment, Jérôme?

Jérôme: Vielleicht keinen ganz konkreten Moment. Wie ich ja schon sagte, arbeitete ich bereits im Bereich Online-Marketing für die Gebäudereinigungsbranche. Die Anfragen gingen immer stärker in Richtung Automatisierung, und ich hatte zunächst etwas zum Thema Kalkulation entwickelt. Es stellte sich dann aber heraus, dass die Kalkulation gar nicht der größte Pain Point war, sondern vor allem das Thema Ausschreibungen. Als mir das klar wurde, habe ich mich hingesetzt und mit dem Programmieren losgelegt.

Okay, das ist ja noch nicht so lange her. Erzähl doch mal kurz, wie das Ganze abgelaufen ist.

Jérôme: Das war tatsächlich wild. Ich habe im Februar begonnen, MerKalku zu entwickeln. Während ich programmiert habe, musste ich natürlich auch noch die anderen Kundenaufträge aus meiner Selbstständigkeit abarbeiten. Als dann klar war, dass MerKalku gut ankommt, haben wir zusammen unsere Firma IntelligenzWerk UG gegründet. Im April war das Tool dann fertig und wir konnten ein erstes Feedback einholen. Im August haben wir gegründet.

MerKalku soll die Kalkulation von Ausschreibungen deutlich schneller und einfacher machen. Wie funktioniert das konkret? Was kann Deine Lösung heute schon leisten?

Jérôme: Der komplette Ausschreibungsprozess wird von der KI erledigt. Der Mensch prüft nur noch am Ende. In MerKalku sind alle bestehenden Ausschreibungsportale eingebunden. Wer kalkuliert, klickt auf eine für ihn interessante Ausschreibung, sieht von uns zusammengefasst, was die Anforderungen sind, und mit einem zweiten Klick startet er die Kalkulation für sein Unternehmen. In kürzester Zeit werden die Preisblätter automatisch befüllt und man hat ein fertiges Angebot.

Lis: Dem vorausgegangen ist ein kurzes Onboarding mit dem Kunden, das 90 Minuten bis zwei Stunden dauert. Dabei werden unternehmenseigene Kostensätze und Leistungswerte hinterlegt. Dieses Setup ist nur einmal nötig. Wenn sich im Laufe der Nutzung etwas ändert, passt unsere selbstlernende KI die hinterlegten Informationen direkt an. Wir bieten einen End-to-End-Prozess mit optimierter User-Experience. Alles ist automatisiert, die kalkulierende Person muss nicht zwischen verschiedenen Tools wechseln. Zudem ist alles DSGVO-konform.

Wie reagieren Gebäudereinigungsunternehmen darauf, dass KI künftig einen Teil ihrer Kalkulationsarbeit übernehmen könnte – neugierig, begeistert oder eher skeptisch?

Lis: Wir haben sehr gutes Feedback bekommen. Gerade auf der Messe haben wir mit vielen Firmen gesprochen, die auf der Suche nach einer passenden Lösung sind. Denn Ausschreibungen kosten viel Zeit. Oftmals liegt die Kalkulation auch noch in der Hand der Geschäftsführung, und die ist natürlich dankbar für jede Unterstützung.

Jérôme: Auch aus Sicht der Akquise können wir von überwiegend positiven Rückmeldungen sprechen. Die Erfolgsquote bei der Kaltakquise ist recht hoch. Das Feedback zeigt, dass wir hier ein richtig großes Problem gelöst haben. Dank der intensiven Zusammenarbeit mit unserem Pilotkunden konnten wir auf eine große Datenmenge zurückgreifen. Das hat dazu beigetragen, MerKalku so ausgereift zu entwickeln.

Lis: Genau, wir konnten echte Ausschreibungsergebnisse nutzen. Außerdem haben wir sehr viel mit Testkunden gesprochen und konnten so eng an den tatsächlichen Bedürfnissen arbeiten, was unseren jetzigen Kunden natürlich zu Gute kommt.

Und das macht Euer Produkt auch so besonders, die Nähe zum Kunden?

Jérôme: Mein erster Entwurf beispielsweise war den Kalkulatoren regelrecht zu modern. Sie kannten vor allem Excel zur Bearbeitung der Ausschreibungen. Also habe ich die Oberfläche an das angepasst, was ihnen vertraut war. Außerdem programmiere ich immer so, dass auch ein Grundschulkind das Tool handhaben könnte: keine unnötigen Dinge. Damit minimiert man gleichzeitig die Zahl der Support-Anfragen.

Lis: Es ist wirklich krass, welchen Mehrwert wir mit MerKalku schaffen. Der Ausschreibungsprozess ist enorm aufwendig, und mit unserem Tool geht das alles so viel schneller.

Wie stellt Ihr Euch die Preisgestaltung vor?

Jérôme: Unsere Preise sind nutzungsabhängig. Aktuell sind wir noch in der Findungsphase. Der Plan ist, kleinere, mittlere und größere Pakete anzubieten, je nach Anzahl der Ausschreibungen. Wenn ein Kunde lediglich vier bis fünf Angebote abgeben will oder kann, wird das günstiger sein, als bei 20 oder 30.

Lis:  Uns ist wichtig, dass sich die Nutzung von MerKalku für den Betrieb auch rechnet. Es geht uns vor allem um langfristige Zusammenarbeit und Kundenzufriedenheit.

Eine Gründung bedeutet auch, ins kalte Wasser zu springen. Was waren für Euch bisher die größten Herausforderungen?

Jérôme: Da ich schon über drei Jahre ein Einzelunternehmen hatte, war mir von vornherein klar, dass man sich echt ins Zeug legen muss, damit so etwas funktioniert. Man muss sich darum kümmern, dass die Kunden reinkommen und auch darum, dass sie bleiben. Sich jetzt die Last mit Lis zu teilen, fühlt sich richtig gut an.

Lis: Für mich war schon immer klar, dass ich etwas machen möchte, das mir nicht nur Spaß macht, sondern mich auch begeistert. Nur dann kann ich mein Bestes geben. So war es auch von Anfang an, und ich freue mich auf alles, was da kommt.

Was habt Ihr seit der Gründung gelernt und was würdet Ihr heute vielleicht anders angehen?

Jérôme: Hätte ich am Anfang gewusst, wie kompliziert das alles ist, hätte ich womöglich gar nicht erst angefangen. Nein, im Ernst: ich habe so viel Zeit und Energie in die Entwicklung gesteckt, getestet und getestet. Es war eine riesige Herausforderung, die verschiedenen Datenformate der Kommunen zu vereinheitlichen, damit die KI überhaupt damit arbeiten kann.

Lis: Ich fand die erste Kaltakquise nicht ganz ohne. Die ersten Telefonate waren schon eine Überwindung. Sie haben aber dazu geführt, dass ich noch besser verstanden habe, womit sich die Beschäftigten in Gebäudereinigungsfirmen herumschlagen. Und ich konnte noch einmal feststellen, dass wir ihnen mit unserer Lösung wirklich helfen konnten.  

Wo soll die Reise mit MerKalku hingehen? Habt Ihr schon weitere Pläne?

Lis: Was das Unternehmen selbst anbelangt, wollen wir das Team bald erweitern. Aktuell stellen wir uns das so vor, diesen Monat hoffentlich schon eine weitere Person für die Entwicklung dazuzuholen und dann im neuen Jahr den Vertrieb aufzubauen.  

Jérôme: Das ganz klare Ziel ist natürlich, unsere ersten Kunden langfristig zu binden. Danach wollen wir innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre eine gute Branchendurchdringung erreichen. Sobald wir sehen, dass das gut funktioniert und unsere Kunden zufrieden sind, könnte ich mir vorstellen, den nächsten Schritt zu wagen und die Sicherheits- und Cateringbranche anzugehen.

Das klingt nach einem richtig guten Plan, bei dem ich Euch viel Erfolg wünsche. Sehen wir uns dann auf der nächsten Reinigungsfachmesse, der CMS in Berlin wieder, zu Folge 2 unseres Gesprächs?

Jérôme: Auf jeden Fall. Hoffentlich mit eigenem Stand vor Ort.