Rudolf Bleicher von „Die Chefberater" zeichnete einen typischen Arbeitstag: Dienstag, 6:07 Uhr. Thomas hat 17 Objekte, 48 Mitarbeitende und ein Handy. Innerhalb einer Stunde: Krankmeldung, fehlender Schlüssel, neuer Mitarbeiter im falschen Objekt, kaputte Saugmaschine, wütender Kunde. Thomas telefoniert, organisiert, löst. Er ist unverzichtbar, der Laden läuft ohne ihn nicht.
Dahinter steckt viel Gutes. Die Frage ist laut Bleicher nur: Ist das Fluch oder Segen? Denn wer immer einspringt, bestätige andere darin, dass sie genau das erwarten dürften. Gute Führung erzeuge aber Fähigkeit statt Abhängigkeit.
Zwei Seiten desselben Problems
Auf der anderen Seite steht zum Beispiel Aylin. Sie arbeitet seit sechs Jahren im selben Objekt und kennt jeden Ablauf. Thomas fragt sie regelmäßig: „Ist alles sauber?" Was er nicht fragt: „Was würdest du tun, wenn der Schlüssel nicht da ist?" Die Kompetenz wäre sicher da, Aylin bekommt nur keinen Freiraum, sie einzusetzen. In dieser Dynamik macht Thomas immer zu viel, Aylin weniger als sie könnte. Dasselbe Problem aus zwei Perspektiven.
Die Teilnehmenden des Seminars sollten sich vorstellen, vier Wochen in den Urlaub zu fahren. Welche Objekte würden sie ohne Bauchschmerzen alleine lassen? Und warum? Klare Antwort: Dort arbeitet jemand, dem man vertraut. Und wer loslässt, stellt oft fest: Es geht auch ohne einen.
„Die Qualität deiner Führung zeigt sich nicht daran, was passiert, wenn du den Raum betrittst, sondern was passiert, wenn du ihn verlässt."
In vier Schritten loslassen
Wer damit anfangen möchte, Verantwortung abzugeben, kann sich an vier Fragen orientieren: Wer im Team könnte eine Aufgabe übernehmen – und woran würde ich merken, dass sie oder er es tatsächlich tut? Weiß die Person, was ein gutes Ergebnis ist und was sie selbst entscheiden darf, ohne vorher anzurufen? Was traue ich ihr als nächstes zu? Und: Was würde sie tun, wenn sie mich nicht erreichen könnte? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, stellt oft fest: Die Antwort auf die letzte Frage ist meistens besser als man gedacht hätte.