Vom Glasreiniger zum Drohnenpiloten – wie Technologie die Gebäudereinigung verändert

  • Interview

Die Gebäudereinigungsbranche verändert sich rasant: Robotik, Drohnentechnologie und digitale Prozesse gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig bleiben Fachwissen, Handwerk und qualifizierte Mitarbeitende entscheidend. Wie die Stölting Service Group diesen Wandel gestaltet, darüber sprechen Patrick Engel, Geschäftsführer der Stölting Niederlassung Dortmund, Alexander Grashoff, Leiter Einkauf, Fuhrpark & Qualitätsmanagement, und Patrick Eisenblätter, Geschäftsführer der Niederlassung in Hamburg.

08. Juli 2026

von links nach rechts: Patrick Eisenblätter (Geschäftsführer Hamburg), Alexander Grashoff
(Leitung Einkauf, Fuhrpark & Qualitätsmanagement), Patrick Engel (Geschäftsführer Dortmund)

Die Stölting Service Group ist europaweit tätig. Wofür steht die Stölting Service Group, und was unterscheidet Ihr Unternehmen von anderen Anbietern in den Bereichen Reinigung, Sicherheit und Personalservices?

Patrick Eisenblätter: Uns unterscheidet, dass wir alle Praktiker sind. Der Inhaber, Sebastian Mosbacher, aber auch sein Vater Hans, sind alles gelernte Gebäudereiniger. Das Unternehmen ist stark gewachsen, und trotz dieser Größe – wir gehen dieses Jahr auf einen Umsatz von einer halben Milliarde Euro zu – sind und bleiben wir Gebäudereiniger. Das bedeutet, dass wir gemeinsam über wichtige Details, wie zum Beispiel Maschinen und deren Funktion sprechen, können und Ahnung haben. Und das macht wiederum vieles einfacher. 

Alexander Grashoff: Freigaben oder Entscheidungen können so schneller getroffen werden, weil eben alle das Geschäft kennen, obwohl das Unternehmen sehr groß ist. Das ist ein signifikanter Unterschied. Das spiegelt sich auch in unserem neuen Slogan wider: Wir machen. Diese zwei Worte bringen auf den Punkt, wie Stölting tickt.

Ihr Ansatz betont individuelle und passgenaue Lösungen. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Dienstleistungen exakt auf die Bedürfnisse Ihrer Kunden zugeschnitten sind?

Patrick Eisenblätter: Über die Jahre treffen wir auf Menschen, die ein tolles Know-how haben. Wir versuchen, dass diese Personen uns begleiten. Zum Beispiel haben wir einen Kollegen, der zuvor im Labor gearbeitet hat. Als wir uns kennenlernten, gab es noch keine passende Stelle für ihn, aber sein umfangreiches Fachwissen und seine tolle Persönlichkeit wollten wir auch nicht gehen lassen. Kurz nach seiner Einstellung haben wir dann einen perfekten Posten für ihn gehabt, auf dem er sein ganzes Know-how entfalten konnte. 

Alexander Grashoff: Wir bilden unsere Mitarbeitenden zudem intensiv aus und weiter. Darüber hinaus holen wir ihre Erfahrungen und Einschätzungen ein: Ist der Ablauf gut so, was muss verändert oder verbessert werden? So entwickeln wir gemeinsam praxisnahe Konzepte mit hoher fachlicher Tiefe.

 

Sie bieten ganzheitliche Servicekonzepte aus einer Hand. Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, wenn sie mehrere Dienstleistungen gebündelt bei einem Anbieter beziehen?

Patrick Eisenblätter: Nur ein sehr kleiner Teil unserer 15.000 Mitarbeitenden arbeitet in der Leitung und Verwaltung. Der Großteil besteht aus Mitarbeitenden im operativen Geschäft. Hier erfassen wir regelmäßig Kompetenzprofile, die das vielfältige Wissen unserer Kolleginnen und Kollegen verdeutlichen. Dieses dann passgenau und zielgerichtet im Geschäft und damit für unsere Kunden einzusetzen, ist für alle eine Win-Win-Situation. 

Die Gebäudereinigungsbranche steht aktuell vor mehreren Herausforderungen, wie Fachkräftemangel, steigenden Kosten und wachsendem Qualitätsdruck. Wie geht Ihr Unternehmen konkret mit diesen Entwicklungen um?

Alexander Grashoff: Wie ich schon erwähnte, bilden wir sehr viel intern aus, bieten unterschiedliche Lehrgänge in den verschiedensten Fachgebieten an. Unser Ruf ist hier sehr gut, und tatsächlich liegen viele Initiativbewerbungen auf dem Tisch, so dass wir kaum ausschreiben müssen. 

Digitalisierung und Automatisierung spielen eine immer größere Rolle. Welche Bedeutung hat Innovation für die Stölting Service Group im täglichen Geschäft?

Patrick Engel: Tatsächlich gehen wir immer mit der Zeit. Gibt es neue Produkte auf dem Markt, die die Arbeit erleichtern und verbessern, dann nutzen wir diese natürlich. Darüber hinaus zählt Stölting auch zu den Anwender-Pionieren. Nehmen wir das Beispiel Glasreinigung. Vor knapp 20 Jahren waren Osmoseanlagen das neueste vom neuesten. Wir haben das früh erkannt und genutzt. Heutzutage läuft alles auf Reinigungsdrohnen hinaus in diesem Bereich. Jüngst haben wir in Dortmund erstmals eine Fassadenreinigung mit Spezialdrohnen durchgeführt. Das ist ein technologischer Meilenstein für die Branche, und ich bin mir sicher, dass sich Drohnen hier durchsetzen werden.

Das klingt super spannend. Können Sie uns ein bisschen mehr über den Einsatz von Reinigungsdrohnen erzählen? Worauf ist zu achten, was sind die Schwierigkeiten?

Patrick Engel: Es ist wirklich sehr spannend. Die Drohne wird ja ohne Sichtkontakt gesteuert. Wir haben einen Fernpiloten, der zunächst das Objekt abfliegt und 3D-Aufnahmen mit einer Wärmebildkamera macht. Die Drohne fliegt dann beispielsweise über die Solaranlage, und anhand der Bilder können wir eruieren, ob eine Reinigung jetzt oder erst in einem Jahr nötig ist. Ein anderes Beispiel sind große Glasflächen. Wir sperren Brücken oder Gebäude kurz ab, setzen unsere Kartierungsdrohne ein, um uns ein exaktes Bild vom Objekt und dem Zustand zu verschaffen. Anschließend entwickeln wir gemeinsam mit den Abläufen des Kunden Reinigungspläne. 

Alexander Grashoff: Stölting hat vier Drohnen, davon zwei für die Glasreinigung. Eine davon reinigt auf 80 bis 85 Metern und die andere bis zu 40 Metern. Für den Einsatz benötigen wir einen Transporter, der neben der Drohne auch einen 700-Liter-Wassertank geladen hat. Dazu kommt noch ein Anhänger einem 17-Kilowatt-Stromgenerator. Die Investitionen gehen hier schnell in sechsstellige Bereiche. Dennoch würden wir gerne schon weitere ordern. Das ist nicht so einfach derzeit, weil Drohnen leider auch im Ukraine-Konflikt benötigt werden.

Patrick Engel: So sieht es aus. Und weil Drohnen leider nicht nur zur Reinigung genutzt werden können, gehört auch viel Bürokratie zum Einsatz dazu. Man braucht zum Beispiel eine Betriebsgenehmigung vom Luftfahrt-Bundesamt. Wir waren übrigens das erste Gebäudereinigungsunternehmen, das einen entsprechenden Antrag gestellt und uns liegt nun diese Genehmigung vor.

Welche Roboter oder autonomen Geräte sind schon länger bei Stölting im Einsatz, und worauf gilt es hier zu achten?

Patrick Eisenblätter: Wir nutzen schon seit vielen Jahren autonome Reinigungsroboter. Über deren Reinigungsergebnis selbst muss man heute kaum noch diskutieren. Das Gerät fährt seine Fläche ab, skaliert alles und säubert den Bereich immer gleichbleibend gut. Immer da, wo ein Reinigungsroboter angeschafft wurde, ist der Anstieg der Reinigungsqualität signifikant. Denn wird durch den Roboter beispielsweise eine Eingangshalle durchgehend sauber gehalten, dann ist auch die indirekte Verschmutzung in Richtung Fahrstühle, Treppenhaus und angrenzende Räumlichkeiten deutlich geringer. So können sich unsere Mitarbeitenden auf die Bereiche konzentrieren, die manuell gemacht werden müssen. 

Alexander Grashoff: Daher achten wir insbesondere auf die technischen Details der Maschinen. Entscheidend sind heute vor allem Sensorik, Software und Rechenleistung.

Wie gut lassen sich Reinigungsroboter in bestehende Arbeitsabläufe integrieren, und wo liegen aktuell noch Grenzen?

Patrick Eisenblätter: Die meisten Probleme gibt es vor allem bei der Installation. Die manuelle Tätigkeit, die hier gefordert ist, wird gerne unterschätzt. Kunden schaffen sich zum Beispiel einen eigenen Roboter an, stellen ihn auf und denken dann, das läuft. Aber es gibt viel bei der Einrichtung und Wartung zu beachten. Das können sie in der Regel nicht selber leisten. Wir aber schon. 

Trotz aller technologischen Entwicklungen bleibt der Mensch also ein zentraler Faktor?

Patrick Eisenblätter: So ist es. Man kann wirklich nicht sagen, dass die Beschäftigten in unserer Branche von Robotern abgelöst werden. Nur im Zusammenspiel funktioniert es. Was klar ist, ist dass sich der Beruf des Gebäudereinigers verändert. Zwar brauchen wir nach wie vor Personen, die bestimmte Bereiche manuell säubern. Gleichzeitig gibt es Mitarbeitende, die sich auch um die Roboterflotte kümmern. Das macht den Job deutlich attraktiver. Wir schaffen zudem neue, zukunftsorientierte Arbeitsplätze, die auch bei jüngeren Menschen ankommen. Man wird nicht mehr „nur“ Glasreiniger, sondern Drohnenpilot.  

Aber vermutlich sind nicht alle Mitarbeitenden begeistert von diesen Veränderungen?

Patrick Eisenblätter: Tatsächlich ist es eine Herausforderung, alle Mitarbeitenden bei diesen Transformationsprozessen mitzunehmen. Es ist einfacher, wenn es um einen Neuauftrag geht. Dann können Personal und Technik gut auf das neue Revier abgestimmt werden. Bei Bestandskunden ist das etwas anderes. Wir haben die Devise, keinen Mitarbeitenden durch einen Roboter zu ersetzen, sondern die Aufgaben umzuverteilen. Eine große Halle zu reinigen, ist beispielsweise sehr stupide und langweilig. Wenn dies dann der Roboter übernimmt, kann die Reinigungskraft sich um wichtigere, anspruchsvollere Arbeiten kümmern. Das ist auch ein Zeichen von Wertschätzung gegenüber unseren Mitarbeitenden.

Wie verändert der Einsatz von Digitalisierung und Robotik die Anforderungen an das Unternehmen allgemein, aber auch an Ihre Mitarbeitenden?

Alexander Grashoff: Neben der Auswirkung auf den Reinigungsprozess, wie Patrick schon beschrieben hat, gibt es auch große Veränderungen im Qualitätsmanagement und bei der Arbeitssicherheit. Die Gefährdungsbeurteilung sieht anders aus, und wir nutzen insgesamt differenziertere Kennzahlen. Um dem Ganzen Rechnung zu tragen, hat Stölting auch eine eigene Schulungsakademie in Gelsenkirchen aufgebaut. Hier bilden wir unsere Mitarbeitenden auch an Robotern oder Drohnen aus.

Wo sehen Sie die Gebäudereinigung in fünf bis zehn Jahren? Wird Robotik zum Standard gehören?

Patrick Eisenblätter: Definitiv, ich würde sogar noch weitergehen. Aufgrund von Robotikeinsatz wird sich das Umfeld verändern. Der Einzelhandel wird seine Räumlichkeiten so anordnen, dass Roboter gut durch die Reihen kommen, säubern und gleichzeitig die Regale scannen, um aufzuzeigen, wo Produkte nachgefüllt werden müssen. Dann müssen wir auch keine Arbeitsplätze mehr besetzen, die eigentlich keiner machen möchte. 

Alexander Grashoff: Gleichzeitig werden sich in erster Linie große Unternehmen teure Roboter und Drohnen leisten können. Wenn in einer Ausschreibung beispielsweise 100 Filialen gereinigt werden sollen und sich ein Gebäudedienstleister dafür mehr Roboter anschaffen müsste, kann das in der Regel ein mittleres oder kleines Unternehmen nicht leisten. 

Patrick Eisenblätter: Nichts desto trotz ist und bleibt die Gebäudereinigung ein Handwerk, und es ist toll, wenn dieses durch Technik unterstützt wird. Wer die Kunst beherrscht, beides zu kombinieren, wird zukunftsfähig bleiben.